Ist das Kunst oder kann das weg?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, es ist Kunst – große Kunst sogar – die im Rahmen unseres Projekts KRAFTAKT entstanden und mehrere Wochen als Ausstellung im Stuttgarter Rathaus zu sehen war. Schwungvolle Zeichnungen, markante Schweißarbeiten, wuchtige Kettensägen-Skulpturen und teilweise überlebensgroße Reliefs transportierten im Kontrast mit filigranen Kurzgedichten zu jedem einzelnen Werk ein vielschichtiges Spektrum an Emotionen.

Für alle, die mehr wissen möchten, haben wir weitere Infos, Fotos, ein Interview mit dem Künstler Thomas Putze, einen Bericht von der Vernissage sowie den Film zur Ausstellung hier auf dieser Seite zusammengestellt.


KRAFTAKT im Rathaus

Falls Sie die Vorgeschichte noch nicht kennen: der Bildhauer, Zeichner und Performance Künstler Thomas Putze hat Begegnungen mit Menschen aus Selbsthilfegruppen zu künstlerischen Happenings gemacht, aus denen Werke für eine Ausstellung entstanden, die man so noch nicht gesehen hat.

 Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt

Denn „Selbsthilfegruppe“ heißt: sich auseinanderzusetzen mit der eigenen Person und mit anderen. An die Bewältigung einer schwierigen Lebenssituation heranzugehen, heißt Arbeit für sich, oft auch für andere. Im Kreis von gleichgestellten Betroffenen gelingt dies häufig besser, aber insbesondere der erste Schritt kann ein echter Kraftakt sein. So heißt auch die Ausstellung. Sie versucht, genau diesen KRAFTAKT einzufangen. Die Anstrengung, sich dem eigenen Thema zu stellen, sich anderen gegenüber zu öffnen und es gemeinsam zu bewältigen, hat der Künstler in seine Arbeiten übertragen.

Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt

Wie ist ihm das gelungen? Indem er es sich selbst absichtlich schwer gemacht hat, als er von Juli bis Dezember 2018 Menschen aus zehn Stuttgarter Selbsthilfegruppen portraitierte. Anstelle von Leinwand aus dem Künstlerbedarf verwendete er gefundene Materialien wie alte Schrankteile, Bootsplanken, Balken oder Metallplatten. Die Sitzungen fanden nicht in einem ruhigem Atelierraum statt, sondern in einer selbstgebauten, windoffenen Kuppel aus Schrott – je nach Jahreszeit bei Hitze, Regen oder Kälte. Mal verwendete Putze einen mit Gewichten beschwerten Pinsel, mal fräste, kratzte und brannte er mit Motorsäge, Bohrmaschine, Winkelschleifer oder Schweißbrenner. Manche Bilder fertigte er blind, an der Kuppeldecke kletternd oder kopfüber hängend an. Eine Tuschezeichnung entstand während eines Sturms, der zu einem Wolkenbruch mit Hagelschauer auswuchs. Die körperlichen Anstrengungen führten dazu, dass alle Arbeiten in nur wenigen Minuten entstehen mussten. Ausruhen und später weiterarbeiten sah das Konzept nicht vor. Die Werke mögen deshalb für manche Betrachter grob oder sogar unfertig erscheinen. Sie sehen aber so aus, weil sie aus einem Kraftakt heraus entstanden sind, der sie verschoben, manchmal verschroben hat. Die Portrait-Sitzungen selbst stellten jede für sich eine physische Grenzerfahrung dar, aus der authentische Momentaufnahmen und außergewöhnliche Darstellungen von Menschen hervorgingen, die ihr Thema in der Gemein-schaft ihrer Gruppe bewältigen.

Das Video zur Ausstellung

Die Portraitierten kommen aus Selbsthilfegruppen aus ganz unterschiedlichen Themenkategorien: Ausgrenzung, Behinderung, geschlechtliche Identität, körperliche und psychische Erkrankung, Krise, Sucht, Trauer oder Trauma. Alle zeigten sich begeistert von den Ergebnissen des Kunstprojekts.

Feierliche Eröffnung der Ausstellung im Stuttgarter Rathaus

Bei der Vernissage Mitte Mai herrschte viel Andrang auf der Ebene vor dem großen Sitzungssaal im Rathaus. Neben vielen interessierten BesucherInnen hatten sich auch zahlreiche Stadtratsmitglieder und PolitikerInnen verschiedener Fraktionen eingefunden und bestaunten gemeinsam die ungewöhnlichen Exponate.

Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt

Bürgermeister Dr. Martin Schairer zollte in seinem Grußwort dem Mut von Menschen Respekt, die sich in einer Selbsthilfegruppe öffnen, um gemeinsam mit anderen an ihrem Thema zu arbeiten: „Ich hätte diesen Mut nicht“, ergänzte der frühere Polizeipräsident freimütig.

Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt

Überhaupt herrschte an diesem Abend eine feierliche Atmosphäre der Offenheit und Wertschätzung, die aus der besonderen Verbindung von spannender Kunst und der Zusammenkunft von engagierten Menschen mit unterschiedlichen thematischen Backgrounds hervorging. Thomas Putze sorgte mit seinem Song „Easy Life“ (bereits im Trailer zur Ausstellung zu hören) selbst für die musikalische Umrahmung der Vernissage. Gezeigt wurde eine Auswahl der entstandenen Bilder und Skulpturen sowie ein Film zur Entstehung der Arbeiten. Die Exponate enthielten weder Hinweise auf die Namen noch auf die Selbsthilfegruppen der jeweils Portraitierten, sondern waren mit lyrischen aus Gesprächsnotizen verdichten Fragmenten beschildert. Einige der Dargestellten posierten freimütig und stolz neben ihren Werken, die ihnen der Künstler übrigens im Anschluss an die Ausstellungen als Geschenk überlassen hat. Sehr großzügig, Herr Putze!

Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt Bild: Foto Ausstellung Kraftakt

Wir bedanken uns herzlich bei allen Mitwirkenden, beim BKK Landesverband Süd für die finanzielle Förderung und bei der Stadt Stuttgart!


Die Ausstellung

Die Ausstellung richtet den Fokus auf die Menschen „hinter dem Thema“, transformiert durch den titelgebenden KRAFTAKT. Gezeigt wird eine Auswahl der entstandenen Bilder und Skulpturen sowie ein Video, das Einblick in die Entstehung der Arbeiten gibt. Die ausgestellten Werke enthalten weder Hinweise auf die Namen noch auf die Selbsthilfegruppen der jeweils Portraitierten, sondern sind mit lyrischen Fragmenten beschildert, die aus Gesprächsnotizen mit den Dargestellten verdichtet worden sind.

Einrichtungen, die die Ausstellung KRAFTAKT (bestehend aus Reliefs, Zeichnungen und Skulpturen) gern einmal in den eigenen Räumen zeigen möchten, können sich gern an KISS Stuttgart wenden.

Projektverantwortlicher:
Jan Siegert
j.siegert@kiss-stuttgart.de

Bild: Foto Ausstellung Kraftakt

Über den Künstler
Thomas Putze – Bildhauer, Zeichner und Performance Künstler aus Stuttgart
www.thomasputze.com

Weitere Infos

Bild: Holzskulptur zur Ausstellung KRAFTAKT